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Gastbeitrag | Sind Künstler*innen einsame Menschen?

05.07.2019

Sind Künstler*innen sonderbar einsame Menschen? Der kreative Schaffensprozess geschieht oft im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein. Im eigenen Atelier – Tür zu, Musik an, Telefon aus. Oder mit der Staffelei und einem dickem Köfferchen voller Pinsel in der Natur – am liebsten im Wald, auf einem Berg oder am Meer. Vor einer Woche erläuterte André Smits in seinem Gastartikel hier bei mir im SommerKunstBlog, dass ein wesentliches Motiv seines Projektes Artist In The World darin besteht, herauszufinden, „was einen Künstler so weit treibt, sich abzusondern, um sein Leben der Kunst zu widmen“. Als ich seinen Artikel editierte, war er natürlich schon längst bei mir gewesen und hatte sein Foto von mir in meinem Atelier – alleine und von hinten – gemacht. Auch hatten wir längst ausführlich über meine Kunst gesprochen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, dass wir uns über genau diese Frage unterhalten hatten. Vielleicht auch deshalb nicht, weil André sie vielleicht gestellt hat, ich sie aber nicht gehört habe. Das kommt vor 😉 Ich finde das Thema aber sehr spannend und möchte nun im Nachhinein darüber nachdenken, die Frage also ganz persönlich beantworten.

Foto in meinem Hausatelier von André Smits

 

 

Kreativität als Gefühl

 

Kreativität ist für mich ein Gefühl. Plötzlich ist da eine Idee, ein Gedanke, aber eben nicht nur. Der Gedanke ist unmittelbar mit einem Gefühl verknüpft, einen großartigen, positiven, erfüllenden Gefühl und mit einem inneren Drang, etwas zu tun, zu erschaffen, zu leisten. Manchmal weiß ich von Anfang an, was genau am Ende dabei herauskommen soll. Dann könnte ich direkt anderen davon erzählen. Manchmal aber braucht es Zeit, um den Gedanken auch in Worten formulieren zu können und ich muss mich erst eine Weile in dieses Gefühl hineinfallen lassen. Oft ist es auch gar nicht nötig, Worte dafür zu finden, sondern es reicht einfach, sich in den Schaffensprozess zu begeben. In jedem Fall ist diese Art von „Kreativitätsgefühl“ eines, das ich nur erleben kann, wenn ich mit mir alleine bin. Während des Schaffensprozesses erlebe ich das Gefühl immer und immer wieder neu. Es entsteht der so genannte „Flow“ oder „Fluss“.

 

Absonderung

 

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich in der künstlerischen Teamarbeit wiederfinden können. Auch lasse ich mich nicht zum Malen vor Publikum engagieren. Ich poste noch nicht einmal – wie es viele andere Künstler*innen tun – ständig Work-in-Progress-Fotos von meinen Bildern. Ich möchte und muss einfach mit meinen Kreativitätsgefühl alleine sein. Ich bin auch glücklich in meinem hauseigenen Atelier, brauche keine Ateliergemeinschaft, wo ständig jemand an die Tür klopfen könnte. So gesehen sondere ich mich ab.

 

Die besondere Macht der Porträts

 

Als Porträtkünstlerin fühle ich mich schon per definitionem nicht alleine, denn ich beschäftige mich ja immer mit Menschen in meiner Kunst. Auch wenn sie natürlich nicht persönlich anwesend sind (da ich nach Referenzfotos male), so sind sie für mich dennoch da. Ich male kein „totes“ Bild, ich male eine real existierende Person und ich beschäftige mich mit jedem einzelnen meiner Motive sehr intensiv. Ich erlebe durch meine Kunst eine besondere Begegnung mit dem Modell. Wenn ich das Modell persönlich kenne, dann entsteht durch die Kunst eine weitere Ebene in der Beziehung. Es ist auch möglich – aber sicherlich keine Bedingung -, dass sich diese besondere Beziehung im realen Leben fortsetzt. Wenn ich das Modell nicht persönlich kenne, so begegne ich dem und den Menschen auf einer allgemeineren Ebene, indem jedes einzelne Modell vielleicht für eine bestimmte soziale Gruppe oder einen bestimmten Typ Mensch steht. Wobei ich Wert darauf lege, nicht zu sehr zu generalisieren, sondern immer wieder auch das Besondere des Individuellen zu sehen. In beiden Fällen dient also die Kunst für mich als Brücke zu den Menschen. Oft habe ich durch die Suche nach Modellen Menschen sogar erst neu oder sehr viel intensiver kennen gelernt oder in einigen Fällen sogar nach vielen Jahren wiedergefunden.

 

Ein Leben für die Kunst

 

Wie der Begriff es schon sagt: Es geht hier um LEBEN. Kunst ist nicht destruktiv. Wenn ich mein Leben der Kunst widme, dann weil ich durch die Kunst LEBE, mich durch sie lebendig fühle. Für jede*n bedeutet LEBEN etwas anderes bzw. sind für jede*n andere Kriterien ausschlaggeben, wie und wann man sich lebendig fühlt. Für mich ist die oben beschriebene Brücke ein wesentliches Kriterium. Ich habe in meinem Leben schon Zeiten großer Einsamkeit erlebt. Manchmal befand ich mich dann in einer Situation, in der es wirklich kaum vertraute Menschen in meiner Umgebung gab. Manchmal war die Einsamkeit aber auch ein Teil meiner Seele und ich fand über lange Zeit einfach den Zugang nach außen nicht. Heute gibt es diese Extreme glücklichweise nicht mehr in meinem Leben. Dennoch gibt es immer wieder Zeiten oder Momente, in denen „es“ nicht so rund läuft. Außerdem weiß ich heute, dass ich auch jemand bin, die trotz Sehnsucht nach sozialer Nähe viel mit sich allein sein muss, da ich als hochsensibler Mensch (> Wikipedia) schnell erschöpft bin und viel Ruhe zur Regeneration brauche. Besonders in diesen Momenten ist Kunst für mich auch eine Möglichkeit, um in Kontakt zu bleiben.

 

Kunst als Bindeglied

 

Neben den schon aufgelisteten Aspekten eröffnet Kunst viele weitere Möglichkeiten, in Kontakt zu Menschen zu kommen. Kunst berührt die meisten Menschen auf die ein oder andere Art und es ist oft möglich, durch Gespräche über Kunst einen Zugang zu jemand anders zu finden. Sicherlich gibt es auch Künstler*innen, die rein in der Abgeschiedenheit wirken – so wie es auch Büroangestellte gibt, die nach Feierabend nur in den eigenen vier Wänden ihr Glück finden. Aber ich glaube eigentlich, dass sehr viele Künstler*innen ihre Kunst zeigen möchten, Gespräche darüber führen möchten, im besten Fall erfolgreich sein möchten und daher auch immer auf die ein oder andere Art auf der Suche nach Kontakt und Austauschmöglichkeiten sind. Es gibt viele hochsensible Künstler*innen, bei denen man das auf den ersten Blick nicht wahrnehmen kann. Es lohnt sich hier aber ein zweiter Blick! 😉

 

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